Das ist mehr als die Geschichte eines Ortes und einer Fluglinie, das ist die Geschichte einer ganzen Ära – ein Traum aus der Vergangenheit für unsere Zukunft!


1927

 Gegründet von dem Yale Absolventen und visionären Unternehmer Juan Terry Trippe betreibt Pan American World Airways in diesem Jahr ihre allerersten Flüge. In Key West, Florida startet das Fairchilds FC-2 Wasserflugzeug und landet in Havanna, Kuba am 19. Oktober. Die Crew wird gleich nach der Landung zu der berühmten El Floridita Bar eskortiert, wo unter dem Einfluss von Rum, Ananas Daiquiris und Zigarren eine dreitägige Feier dieses historischen Ereignisses ihren lebensfrohen Lauf nimmt.

Berlin ist da noch ein Ort, an dem das kulturelle und geistige Leben blüht – eine dekadente Stadt, in der alles möglich ist. Ob als Geburtsort des Club Dada, des deutschen Expressionismus', des Avantgardekinos oder des grellfarbenen Kabaretts, Berlin hat zu dieser Zeit einige der erstaunlichsten künstlerischen Entwicklungen des Jahrhunderts hervorgebracht. Walter Ruttmann führt einen Meilenstein der Filmgeschichte zur Premiere: Berlin: Sinfonie einer Großstadt, ein experimenteller Dokumentarfilm, der einen Tag im Leben einer der lebhaftesten und modernsten Metropolen der Welt auf der Leinwand abbildet.

 

1939

 Pan American Airlines wird die erste Fluglinie, die den Pazifik überquert und führt als erste Passagierflüge nach Europa ein, mit der Boeing 314 Yankee Clipper – dem so genannten "Flugboot".

Die Polizei schlägt in Berlin eine sozialistische 1. Mai-Demonstrations mithilfe vom Maschinengewehren nieder. Die letzten von Juden geführten Unternehmen werden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Nazi-Deutschland marschiert in KRKSCHKCKSSCHHSHC – im Sinne der fortwährenden Bequemlichkeit und des Wohlbefindens unserer geschätzten Passagiere, ersparen wir Ihnen alle weiteren Erläuterungen von Ereignissen, die für unseren derzeitigen Kontext viel zu entsetzlich sind.

(Großbritannien, Frankreich, Neuseeland, Australien, Nepal, Süd-Afrika und Kanada erklären Nazi-Deutschland den Krieg.)

 

1940-1945

 Pan Am dient den Alliierten tapfer in einer Vielzahl heikler Kriegsmissionen, weltweit im Dienste der Freiheit. Das berühmte Hauptquartier Treasure Island in der Bucht von San Franzisko wird in eine US Naval Basis verwandelt, und die Crews fliegen über 90 Millionen Meilen, um militärische Operationen weltweit zu unterstützen. Ob sie verwundete Soldaten evakuieren oder Tausende von Zivilisten von den Frontverläufen retten, militärische Fracht transportieren oder gestrandete Kompanien aufnehmen, ein jeder der 9.000 Angestellten von Pan American World Airlines ist persönlich und häufig unter Lebensgefahr in den heldenhaften Kampf involviert, die Nationen der Welt vor der Tyrannei zu schützen.

 

1947

 In ganz Westeuropa wurde die Freiheit wiederhergestellt und eine neue vielversprechende Zukunft mit bisher unerträumten Möglichkeiten beginnt sich zu entfalten …

Pan American Airways wird die erste Fluglinie die flugplanmäßigen Rund-um-die-Welt-Service einführt!

In den Worten von Juan Trippe: "Pan American Airways wird in der kommenden Friedenszeit eine wichtige Rolle zu spielen haben – wenn es darum geht, eine bessere Welt zu erschaffen. Durch die Beschleunigung der Handelsbeziehungen, die Unterstützung des wissenschaftlichen Fortschritts und der kulturellen Zusammenarbeit, wird der internationale Luftverkehr einen sehr realen Beitrag zum künftigen Wohlstand der Vereinigten Staaten sowie aller Nationen leisten.


 

1948

 Pan American Airlines folgt dem Ruf der Pflicht ein weiteres Mal und assistiert der US-Luftwaffe und ihren Alliierten die berühmte Berliner Luftbrücke durchzuführen. Indem sie täglich mehr als 4.700 Tonnen Lebensmittel, Kleidung und Kraftstoff in den Westteil von Berlin transportiert, in mehr als 200.000 Flügen pro Jahr, gelingt es der Fluglinie schließlich, die geplante sowjetische Übernahme der ehemaligen deutschen Hauptstadt abzuwenden.

 

1958

 Was jetzt der zentralste Platz im Westen Berlins ist und später praktisch der Vorgarten des Eden-Hochhauses und der Pan Am Lounge werden sollte, der Breitscheidplatz, ist noch immer ein recht desolater Ort. Einst Heimat des berühmten Hotels Eden (wo die frühen kommunistischen Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihre letzten Momente in Gefangenschaft verbrachten, bevor sie von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division 1919 ermordet wurden, dasselbe Hotel, das später ein Vorkriegstreff für Gäste der High Society wie Marlene Dietrich, Heinrich Mann, Berthold Brecht oder Otto Dix wurde), scheint der verheerte Ort an der Budapester Straße 43 (auf dem einmal das Eden Hochhaus gebaut werden soll) wenig vielversprechend. Die leeren Grundstücke, die den Platz umringen, sind mit schäbigen Imbissständen, Ratten und Kinos der eher anrüchigen Art gespickt. Nikita Chruchtschow ist gerade Premier der Sowjet Union geworden und Elvis Presley wurde in die Armee eingezogen. Der Lage der Dinge im Nachkriegsberlin ist eindeutig eine eher zweifelhafte. Dennoch, es ist ein Jahr anbrechender Verheißungen und am Horizont zeigt sich ein neues Licht!

Durch das furchtlose Handeln von Juan Terry Trippe führen die Pan American Airlines eine gerade aufkommende Ära an – die Jet Ära. Indem er – zu schwindelerregenden Summen in einem genialen Schachzug strategischen Unternehmertums – zwanzig Boeing 707 und 25 Douglas CD-8s kaufte, als die kaum über das Entwurfsstadium hinaus waren, wird Pan Am zum unumstrittenenen Spitzenreiter unter den Fluglinien weltweit. Der erste amerikanische historische Jet Clipper Flug findet am 26. Oktober statt und erreicht London von New York aus in nur sechseinhalb Stunden! Stewardess Hope Ryden gehört zu den Glücklichen, die mit an Bord sind.

Die Raketenantriebstechnik, die von den Deutschen während des 2. Weltkriegs für Waffen entwickelt worden ist, wurde hierdurch demokratisiert. Der Propeller ist schließlich durch das Düsentriebwerk ersetzt worden, um noch mehr Geschäftsleute, Urlauber und Traumtänzer schneller über den großen Ozean schicken zu können als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit – und das ist erst der Anfang.

Der deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun erscheint auf dem Titel des Time Magazines als Amerikas Missile Man, als Raketenmann Nummer 1, und die NASA (National Aeronautics and Space Administration) wird gebildet, um im Wettlauf um den Weltraum Geschwindigkeit aufzunehmen. Der Mikrochip ist erfunden und das US-Miltär verkündet, dass es in nur wenigen Jahren möglich sein wird, Satelliten in den Orbit zu schicken, die detaillierte Karten vom Weltraum anfertigen werden. Bobby Fischer gewinnt die Schachmeisterschaft der Vereinigten Staaten und Alfred Hitchcock Presents wird ein Amerika weites Fernseh-Phänomen.

Währenddessen, irgendwo in Berlin:

Der neue Bürgermeister der Stadt Willy Brandt wurde Vorsitzender der SPD und die Dinge am Breitscheidplatz gehen langsam aufwärts. Es waren Pläne entstanden, die den Ruinen der ausgebombten Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche erlaubten, als Denkmal stehen zu bleiben, die Kriegsgräuel bezeugend. Der Architekt Egon Eiermann wurde beauftragt, einen neuen Kirchenbau für den restlichen Platz zu entwerfen. Die Fundamente für eine Dekade der Heilung, des Wachstums und Optimismus' waren gelegt.

 

1961

 Die DDR schließt die Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland buchstäblich über Nacht. Deutsche, die dort leben, wo bisher der Ostsektor war, finden sich erwachend von Stacheldraht umgeben. Der Bau der Berliner Mauer beginnt.

Juri Gagarin wird der erste Mann im Weltraum.

Nach seiner Ernennung zum Präsidenten erfragt John F. Kennedy beim Congress 531 Millionen, um noch vor Ablauf der nächsten Dekade einen Mann auf den Mond zu fliegen. Er etabliert die unabhängige Behörde des Friedenscorps' und rät amerikanischen Bürgern mit dem Bau von Luftschutzbunkern zu beginnen.

Pan Am-Pilot Robert D. Fordyce und Flugbegleiter Kenlynn Williams werden schon bald den 100.000sten Transatlantik-Flug mit dem Jet Clipper absolvieren, und erste Pläne sind im Umlauf, dem wachsenden Bedürfnis nach internationalen Unterkünften für die wachsende Anzahl ergebener Mitarbeiter der Fluglinie tatkräftig zu begegnen. Es dauert nicht mehr lange, bis mit der Pan Am Lounge ein Establishment geschaffen wird, das die beste Antwort auf diese Bedürfnisse gibt!

 

1963

 Am Breitscheidplatz entwickeln sich die Dinge in rasender Geschwindigkeit. Mithilfe des Bürgermeisters Willy Brandt hat der Unternehmer, Architekt und Investor Karl Heinz Pepper die finanziellen Mittel für ein visionäres Gebäude beschaffen können, das der noch immer etwas strauchelnden Gegend zwischen der Gedächtniskirche, dem Kurfürstendamm, dem Tauentzien und der Budapester Straße eine neue Gestalt geben soll. In einer Rekordzeit von nur zwei Jahren wurde das Europa-Center mit seinen 22-stöckigen Hochhäusern, dem postmodernen Einkaufsparadies und seinen flankierenden Wohngebäuden fertiggestellt – "Pepper's Manhattan", wie man es nannte, drehte der anderen Seite eine lange Nase. Die Botschaft war klar: The West is the best! Der Westen ist am besten.

Wie stets am Puls der Zeit, bekam Pan Am früh Wind von den aufregenden Neuigkeiten und reservierte sich einen gesamten Wohnturm im Voraus: das ultra-moderne Eden-Hochhaus – das auf der Budapester Straße 43, wo einst das Eden Hotel stand gebaut werden soll. Berlin nimmt wieder Fahrt auf und kann dem internationalen Konzern endlich eine repräsentative Zentrale bieten.

John F. Kennedy hält seine berühmte Rede vor dem Schöneberger Rathaus, in der er die unerschütterliche Solidarität mit der Aufrechterhaltung der Freiheit der West-Berliner mit den berühmten und bewegenden Worten verkündet: "Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner. [..] Ein Leben in Freiheit ist nicht leicht, und Demokratie ist nicht vollkommen. Aber wir hatten es nie nötig, eine Mauer aufzubauen, um unsere Leute bei uns zu halten und sie daran zu hindern, woanders hinzugehen. Ich möchte Ihnen im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, die viele tausend Kilometer von Ihnen entfernt lebt, auf der anderen Seite des Atlantiks, sagen, dass meine amerikanischen Mitbürger stolz, sehr stolz darauf sind, mit Ihnen zusammen, selbst aus der Entfernung, die Geschichte der letzten 18 Jahre teilen zu können. Denn ich weiß von keiner anderen Stadt, die 18 Jahre lang belagert wurde und dennoch in ungebrochener Vitalität, mit unerschütterlicher Hoffnung lebt, mit der gleichen Stärke und mit der gleichen Entschlossenheit wie heute West-Berlin.(..) Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner."

 

1965

 Die West-Berliner sind in einen rauschhaften Zustand versetzt bei der Veröffentlichung von Michelangelo Antonionis Film Drei Gesichter einer Frau [I tre Volti], dem cinematografischen Debut von niemand anderem als Berlins eigener Prinzessin, Soraya von Persien. 1932 geboren als Tochter des Iranischen Botschafters Khaliol Esfandiary und seiner deutschen Frau Eva Karl , wuchs Soraya Esfandiary in Berlin auf, bevor sie mit dem letzten Schah des Iran verheiratet wurde und 1951 Königin von Persien wurde.

Sie bekam einen festen Platz im Herzen der Westdeutschen, als sie sich 1958 mit gebrochenem Herzen entschied, sich vom Schah scheiden zu lassen, nachdem der vorgeschlagen hatte, eine Zweitfrau aufzunehmen. Sie ging zurück nach Deutschland. Für immer geprägt mit dem Sinn für eine Art der unbehauenen Würde, den ihr ihre Kindheit in Berlin mitgegeben hatte, legte sie ihren Titel ab und kam nach Hause zurück als einfache Prinzessin, um noch Jahrzehnte danach von ihren Landsleuten gefeiert zu werden.

 

1966

 Der Bau des Eden-Hochhauses ist vollendet, und Pan Am beginnt seine neue informelle Berliner Adresse zu beziehen. Ein Penthouse wird für das Amüsement der dort lebenden Crewmitglieder eingerichtet, und für den oder anderen Insider, der vielleicht vorbeischneien mag. Die Neuigkeiten verbreiten sich schnell und eine ganze Reihe von Nachkriegspersönlichkeiten beginnen sich um den neuen Knotenpunkt in West-Berlins revitalisiertem High-Society-Nachleben zu sammeln.

Der bekannte AFN Radio-DJ [American Forces Network] Mark White bezieht eine Wohnung in dem Gebäude, inmitten seiner Landsleute – ein heimatlicher Geschmack am Außenposten der Freiheit. Ob er für einen letzten Drink vorbeikam oder das Interview des Tages mit Gregory Peck, Louis Armstrong, Bob Hope, Kirk Douglas, Soraya oder Marlene Dietrich dorthin verlängerte, White ist immer ein willkommener Gast in der da schon legendären Pan Am Lounge.

Es dauert nicht lange, bis auf dem ganzen Kurfürstendamm ein Geflüster aufkommt, das um die berüchtigten Kaminraum-Begegnungen zwischen Willy Brandt und dem Zigarrenraucher Ludwig Erhard (dem Architekten des deutschen Wirtschaftwunders) kreist, in denen viele Gläser Brandy geleert worden sind und per Handschlag womöglich bereits über Parteigrenzen hinweg die Vision von Berlin als alter neuer Hauptstadt Deutschlands besiegelt worden ist.

 

1967 – 1989

 Der Sommer der Liebe erlebt die Veröffentlichung des Beatles Albums Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band. Das Jahr 1968 wird Zeuge der Studentenaufstände in ganz Europa. Weltweite Proteste und die beispiellose Entschlossenheit der NLF [Nationale Front für die Befreiung Südvietnams] führen schließlich zum Ende des Vietnamkriegs. Pan Am evakuiert die letzten amerikanischen Soldaten und Zivilisten aus Saigon und beherrscht weiterhin den Himmel des Kalten Krieges als die erfahrendste und innovativste Fluglinie der Welt. Michail Sergejewitsch Gorbatschow wird 1985 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjet Union und führt das Konzept von glasnost, der offenen Staatsführung ein, das schließlich zum Zusammenbruch der Sowjet Union und damit zum unvermeidlichen Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 führt. Nach beinahe drei Jahrzehnten der Trennung, die unzählige Leben und Familien zerstört hat, ist Berlin endlich befreit und wieder eine vereinigte Stadt.

 

1991

 In die Höhe schießende Treibstoff-Preise, ausgelöst durch den ersten Golfkrieg, eine schleppende Weltwirtschaft und der terroristische Bombenanschlag auf den Pan Am Flug 103 (bekannt als der Lockerbie-Anschlag) haben sich über Jahre hinweg verheerend ausgewirkt. Am 8. Januar 1991 ist Pan Am ist gezwungen, Konkurs anzumelden.

Der letzte Flug am 4. Dezember führt von Barbados nach Miami – dem Geburtsort einer Fluglinie, die Maßstäbe gesetzt hat. Die B-727 Clippe Goodwill wird von Kapitän Mark S. Pyle geflogen. Der letzte Pan Am Pilot, der seine Flugroute ziert, ist sich bewusst, dass nicht nur eine Fluglinie, sondern eine ganze Ära an ihr Ende gekommen ist: "Beim Verlangsamen und Windabwärtsdrehen für den letzten Landeanflug und die Landung, betrachtete ich den wunderschönen Flughafen von Miami und die Stadt, dem er dient. Uns allen war klar, dass dies das letzte Mal sein würde. Wieder schlug die Endgültigkeit dieses Moments meiner Wahrnehmung entgegen. Unsere Räder kamen zum letzten Mal in einem Pan American Flugzeug auf der Landebahn auf – der letzte flugplanmäßige Einsatz dieser historischen Fluglinie. Pan Am war nicht nur ein Teil der Geschichte, Pan Am hat während der 64 Jahre ihres Bestehens Geschichte gemacht."

In Berlin wird in diesem Moment im zehnten Stockwerk des Eden Hochhauses am Breitscheidplatz feierlich das Glas erhoben. Die Stimmung ist aufrichtig, aber nicht niedergeschlagen. In der Tat – in den letzten Jahrzehnten hat das Leben in Berlin den Piloten und Crew-Mitgliedern eines gelehrt: dass das Leben voller Veränderungen ist. Die Party dauert bis in die frühen Morgenstunden und eine Handvoll Piloten sieht man noch am nächsten Mittag über einer Flasche Scotch ihren Erinnerungen nachgehen. Manche von ihnen werden unter anderen Flaggen fliegen. Andere werden sich zur Ruhe setzen und in ihre Heimat zurückkehren. Doch viele werden den Traum am Leben halten, und an dem Ort bleiben, der bereits seit langem ihr berühmtes Zuhause geworden ist: dem Eden-Hochhaus auf der Budapesterstraße 43, West-Berlin.

 

2005

 Von einem Freund zu einem kleinen Umtrunk in das beinah vergessene Penthouse des Eden Hochhaus' eingeladen, ist Natascha Bonnerman beim Betreten des Establishments überwältigt vor Entzücken. Es ist, als sei sie in eine andere Zeitzone transportiert worden – in die Ära von Pan Am. Alles, bis hin zu den Aschenbechern, ist bewahrt geblieben. Der Geist des Optimismus', der einmal dazu diente, die Geschichte zu gestalten, ist nach wie vor in jedem einzelnen makellosen Detail greifbar. Nach einem langen Gespräch mit Mark White wird ihr klar, dass es dringend nötig ist, dieses kostbare Juwel, das von Berlins jüngster Vergangenheit zeugt, zu bewahren. Diese Nacht begründete die tiefe, auf gegenseitigem Respekt beruhende Freundschaft zwischen White und Bonnermann.

Nachdem sie einige Zeit überlegt und sich schließlich die Worte des Unternehmers Karl Heinz Pepper ins Gedächtnis gerufen hatte, der angesichts seiner eigenen mutigen Investitionen in West-Berlin riet – "Man muss ein Herz in die Hand nehmen" – wusste Natascha Bonnermann, was sie zu tun hatte. Wider besseres Wissen, entschloss sie sich, alles was sie hatte, zu investieren, um sicherzustellen, dass die Pan Am Lounge weiterhin in ihrem altem Glanz erstrahlen würde, um so einen wichtigen Ort ihrer geliebten Stadtgeschichte zu bewahren, auf dass der Traum weiterbestehe und die Party aufs Neue beginne. Unnötig zu erwähnen, dass Mark White diesem Projekt sein vollstes Verständnis entgegenbrachte und bis zu seinem Tod in seiner Wohnung im Eden-Hochhaus, kurz nach Weihnachten im Jahr 2013, einen eigenen privaten Schlüssel zur Pan Am Lounge behielt.

 

2014

 Die anfängliche Faszination für den Ostteil Berlins, die auf die Wiedervereinigung Deutschlands folgte, hat schon lange an Schwung verloren. Die seit Langem bestehende Eleganz des Kurfürstendamms und das hart erkämpfte Prestige von West-Berliner Institutionen wie das jüngst renovierte Bikini-Haus, die berühmte Paris Bar und die legendäre Pan An Lounge haben sich als standhaft erwiesen. Der darbende Lebensstil verarmter Künstler hat seinen nostalgischen Reiz verloren. Optimismus und Opulenz sind der letzte Schrei.

Nach beinah einem Jahrzehnt, in dem eine Vielzahl von eleganten Jet-Set-Galas und wilde und unvergessliche Feste dort gefeiert worden sind, ist die Pan Am Lounge zu der Adresse für erlesene Gäste aus der ganzen Welt aufgestiegen, für all jene, die nach dem perfekten Ort suchen, um private Parties und besondere Gelegenheiten in Berlin zu feiern. Der Breitscheidplatz und der alte, noch immer extravagante Flair West-Berlins zeigt sich als glamoröser denn jemals zuvor.

 

Epilog

 Die Piloten Robert D. Fordyce und Mark S. Pyle; die Stewardessen Kenlynn Williams und Hope Ryden; der brillante Visionär Juan Terry Trippe; der deutsche Raketenwissenschaftler Wernher von Braun; Berlins Bürgermeister und Bundeskanzler Willy Brandt ; der Investor Karl Heinz Pepper; ihre Kaiserliche Hoheit Prinzessin Soraya von Persien; die versierte Schauspielerin, Stadtpflegerin und Gastgeberin par excellence Natasche Bonnermann; der berühmte AFN-Radiomoderator Mark White –sie alle werfen einen wissenden Blick über den Rand der Panorama-Terrasse der Pan Am Lounge im zehnten Stock, in Richtung Tiergarten, am Zooeingang vorbei und hinauf zur Spitze der Gedächtniskirche, bevor sie in ein unkontrollierbares Gelächter ausbrechen, das sie mit aller Kraft zu unterdrücken versucht hatten, ein unaufhaltsames Grinsen und Kichern lässt sie gerade noch das Wort Prost! gemeinsam hervorbringen, mit einem Funkeln im Auge, das der einfachen Tatsache gilt, dass ihnen allen die ganze Zeit eines klar gewesen ist: Der Westen ist – in der Tat und nach wie vor – der Beste!